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Politik

Doch kein Primus der Corona-Abwehr?

2. Juni 2020

Polen ist neben Schweden das derzeit einzige europäische Land, in dem die Infektionen nicht sinken. Dennoch hören die Polen seit Wochen pausenlos, wie gut das Land Corona im Griff habe. Angeblich besser als andere.

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Polen Coronavirus Maßnahmen
Bild: picture-alliance/NurPhoto/B. Zawrzel

Stell dir vor: Es ist Pandemie, doch keiner hat das Virus. Wenn man sich in Warschau umhört, erinnert es an die Nadel im Heuhaufen: Keiner, den ich frage, kennt jemanden, der infiziert ist, nicht einmal gehört haben die meisten von einem Fall irgendwo im Bekanntenkreis. Trotzdem hat Corona das politische Leben fest im Griff.

Pressekonferenzen des Gesundheitsministers, Schulter an Schulter mit dem Premierminister, wurden zum Ritual. Grundmelodie: Wir haben die Sache viel besser im Griff als die anderen. Im Hintergrund riesige Grafiken. Lange Balken für Deutschland oder Großbritannien, winzige für das eigene Land. Polen: 200 Infektionen auf eine Million Menschen, Deutschland 1593, Frankreich 2265 - so war es im April.

"Wenn sie Donald Trump fragen, ob er das Virus im Griff hat, wird er es auch bejahen, obwohl die Lage fatal ist", sagt in einem Gespräch mit der DW der Arzt Andrzej Sosnierz, einst Chef der staatlichen Krankenversicherung und heute Abgeordneter der Regierungsfraktion im Sejm. Kritik aus den eigenen Reihen ist ungewöhnlich.

Weniger Infizierte im Osten

Sosnierz bezweifelt, dass Polen besonders gut durch die Pandemie gekommen ist. Die Resultate seien trotz harter Maßnahmen vergleichbar mit Schweden mit seiner liberalen "Corona-Bekämpfungspolitik". Ohnehin seien Vergleiche mit Westeuropa deplatziert.

Der Vergleichsmaßstab sei der Osten, und nicht einmal hier stehe Polen besonders gut da. "Die Durchschnittsrate in Osteuropa beträgt 27 Tote auf eine Million Menschen, in Westeuropa 340 bis 370. Bei uns liegt sie bei 26, was niedrig ist im Vergleich mit Italien, aber nicht, wenn wir uns mit der Slowakei (5) vergleichen."

Corona-Lockerungen in Europa Polen
Seit dem 30.05. ist die Maskenpflicht im Freien aufgehobenBild: picture-alliance/dpa/D. Zarzycka

Die erheblichen Unterschiede zwischen Ost und West geben noch Rätsel auf. Sosnierz vermutet, dass Pflichtimpfungen eine Rolle spielen könnten, vor allem gegen Tuberkulose, die im Osten anders als im Westen bis heute noch immer routinemäßig praktiziert wird. Inzwischen wird weltweit erforscht, ob die TBC-Impfung auch Abwehrkräfte gegen Corona stärkt.

Eine andere Hypothese ist, dass das Klima von Bedeutung ist und die Menschen im Osten viel häufiger Atemweginfektionen ausgesetzt sind, darunter auch vielen "alten" Coronaviren, was heißen würde, dass sie über bessere Abwehrkräfte verfügten.

Doch was die Anzahl "aktiver" Corona-Infektionen betrifft, also potentiell ansteckender Fälle, hat Polen Deutschland nun auch offiziell überholt. Denn die täglich gemeldeten Todes- wie Neuinfektionsfälle in Polen bleiben seit Wochen stabil (300 bis 400 Neuinfektionen/Tag), während sie in Deutschland jüngst immer weiter sanken. Ob Polen, wie vielfach angenommen, den Gipfelpunkt der Epidemie noch vor sich hat, ist aber letztlich unklar. Denn das Land testet wenig.

Zu wenige Tests

Lange wurden die schon ohnehin niedrigen Testkapazitäten nicht voll ausgeschöpft. Gesundheitsminister Szumowski hat das indirekt zugegeben. Er wisse auch nicht, wieso sie nicht ausgenutzt werden, meinte Lukasz Szumowski in Interviews. Polen könne wöchentlich 140.000 Tests durchführen (Deutschland: etwa eine Million), nutze aber nur die Hälfte davon (Deutschland: rund 350.000). Inzwischen wird bei hohen wöchentlichen Schwankungen mehr getestet als zu Beginn der Krise. Nach offiziellen Angaben hat Polen in den letzten drei Wochen täglich durchschnittlich etwa 20.000 Corona-Tests durchgeführt.

"Ganze Infektionsherde wurden übersehen", sagt Andrzej Sosnierz. Viele, die Kontakt mit einer infizierten Person hatten, wurden trotzdem nicht getestet. "Manche gaben auf, wenn sie in der Corona-Hotline der Gesundheitsbehörde Sanepid nicht durchkamen." Laut Sosnierz fehlt es an Struktur und Organisation. Vieles sei dem Zufall überlassen. Verändert hat sich das in Oberschlesien, wo sich hunderte Bergleute und ihre Familien infizierten. Hier wird jetzt massiv getestet. "Schade, dass das erst jetzt geschieht", so Sosnierz.

Nach Recherchen des Online-Dienstes Okopress sind finanzielle Fehlanreize der Grund für das zögerliche Testverhalten. Krankenhäuser erhielten von der staatlichen Krankenkasse nur einen Teil der Testkosten erstattet.

Die Unterstellung aber, es werde bewusst wenig getestet, um für die von der PiS forcierte Präsidentenwahl samt Bestätigung des Amtsinhabers Andrzej Duda das geeignete Umfeld trotz Pandemie zu schaffen, macht sich der Arzt und Politiker Sosnierz nicht zu eigen.

Für nicht ausgeschlossen hält das hingegen der Chefarzt eines Breslauer Krankenhauses. "Mitten in der Pandemie wählen zu lassen, ist verantwortungslos", sagt Krzysztof Simon im Gespräch mit der DW.

Jaroslaw Kaczynski
Jaroslaw Kaczynski, Parteichef der regierenden PISBild: picture-alliance/AP Photo/C. Sokolowski

"Blödsinn für desorientierte Wähler" sei die Darstellung des Infektionsverlaufs. "Ehrlicherweise haben wir wohl 20.000 Patienten, die das Virus aktiv replizieren. Die Zahl der Infektionen, abgeleitet aus anderen Statistiken, dürfte bei etwa 100.000 liegen." Die Regel sei einfach: Wenn man wenig testet, hat man wenig bestätigte Fälle. Zuletzt waren es offiziell knapp 23.000, viele davon in Oberschlesien.

Maulkorb für Ärzte?

Er spreche allerdings als Oberarzt und Privatperson, unterstreicht Simon im Gespräch mit DW, nicht als Wojewodschaft-Arztrat, als der er auch fungiert. Das sind Ärzte, die für bestimmte amtliche Aufgaben eingesetzt werden. Wie unter anderem ein Fachärzte-Verband offenlegte, hat die Regierung diesen Funktionsärzten verboten, ihre persönliche Meinung zu Corona zu verbreiten. Das Gesundheitsministerium bestreitet, einen Maulkorb erlassen zu haben. Es sei lediglich untersagt worden, ohne Rücksprache Empfehlungen abzugeben.

Dabei wäre eine offenere Diskussion über Corona kein allzu großes Risiko. Denn auch wenn der Epidemieverlauf im Unklaren liegt, zeigt die Todesstatistik, dass zuletzt sogar weniger ältere Menschen starben als in den Vorjahren, wohl auch wegen der hohen Disziplin, mit der sich viele Polen zumindest anfangs an Hygiene- und Abstandsregeln hielten. Die nun verfügten Lockerungen - selbst Kinos und Fitnessklubs dürfen schon wieder öffnen - seien zum Teil inakzeptabel, sagt Simon.

Robert Flisiak vom polnischen Verband der Epidemiologen wünscht sich grundsätzliche Schlussfolgerungen, etwa mehr Vorsorgekapazitäten in den Intensivabteilungen. Dass die Expertise der polnischen Epidemiologen überhaupt gehört wird, ist unwahrscheinlich. Die Regierung habe während der Pandemie den Verband nicht konsultiert, sagt Flisiak.